Die volle Packung abgeholt!
geschrieben Februar 2007
Der La Magnetoise ist ein noch recht unbekannter Gelände-Lauf in Belgien. Sein großer Bruder, der Olne-Spa-Olne, vom selben Ausrichter ist nicht nur ein wenig bekannter, er hat mit gut 300Startern auch drei mal soviel Teilnehmer. Ansonsten sind sich die beiden Läufe von den Rahmendaten her recht ähnlich: gut 64km lang, gut 1900HM (im Französischen heißt das viel schöner: Dénivelé positif) und eine Strecke, die ein echter Trial-Lauf sein will. Start ist, wie auch beim OSO, im Vereinsheim des Veranstalters.
Es geht bergauf Bei gutem Wetter wäre das ein bequemer Forstweg Markus und Lars an der ersten Verpflegungßtelle Es geht bergab Rustikale Gemütlichkeit an der letzten Verpflegungstelle Die Schuhe von Markus nach dem Lauf
Dort waren Markus (Weißberg), Lars (Weißhund) und ich am Sonntag morgen pünktlich gegen halb sieben. War hatten uns vorher per Mail angemeldet und mußten nur noch unsere sieben Euro Startgebühren bezahlen, was schnell erledigt war. Wir packen noch unser Sachen zusammen, als sich so ganz langsam Aufbruchstimmung bei den Startern einschleicht. Da der eigentliche Lauf erst gut 10km entfernt startet, steht vorher noch ein Bustransfer dorthin an. Gemeinsam mit den Anderen gehen wir also aus der gemütlich warmen Stube nach draußen. Es ist noch fast dunkel und schüttet wie aus Eimern. Dazu weht ein schneidender Wind, denn es sind nur gut sechs Grad. Brr! Als wir nach ein paar 100m am Bus ankommen, sind wir alle schon naß geregnet und damit gut auf den kommenden Lauf vorbereitet.
Während der etwa 20minütigen Fahrt im Bus, habe ich Gelegenheit, die anderen Starter in Ruhe zu betrachten. Ich sehe Gesichter, vor allem viele intereßante Gesichter. Es sind kaum wirklich schöne Menschen hier im Bus, jedenfalls nicht schön im Sinne von Fernsehtauglich. Keine ewig grinsenden Dummschwätzer, keine lächelnden Langweiler, keines dieser austauschbaren ich-strahle-in-die-Kamera Gesichter. Hier sehe ich scharfe Augen, scharfe Nasen, energische Stirnen und fein gemeißelte Linien. Ich fühle mich umgeben von echten Windgesichtern und genieße das Studium der vielen markanten Züge.
Der Bus ist am Ziel, bzw. am Start, und wir steigen ohne Hektik wieder aus. Der Platzregen ist in ein leichtes Nieseln über gegangen und es ist auch schon fast Tag. Da Markus und ich uns auf Deutsch unterhalten, treffen wir tatsächlich einen weiteren Landsmann, der hier schon mal gelaufen ist, und uns den Tip gibt, die erste Hälfte wäre die anspruchsvollere. An den Spruch erinnere ich mich genau, denn ich habe mich über viele Km an die Hoffnung geklammert, er möge wahr sein.
Denn der erste Teil ist wirklich beinhart. Es geht steil bergauf und bergab, fast immer auf kleinsten Trampelpfaden zwischen den Felder hin. Der Weg ist sehr gut markiert und praktisch nicht zu verfehlen, obwohl wir später auch das geschafft haben. Doch dazu später. Zunächst zieht sich die Strecke mit immer steileren Wiesen und immer naßeren Füßen quer durch die Ardennen: eigentlich genau das was ich hier bestellt hatte. Da es seit Tagen fast durchgehend geregnet hat, sind die Pfade und Wege in einem sehr guten Zustand für einen Croß- oder Trial-Lauf. Es ist tief verschlammt, teilweise selbst auf der Ebene kaum zu laufen und es regnet die ganze Zeit. Zwar nimmt der April schon merklich Anlauf, denn überall aus dem Boden sprießen die ersten Triebe von unzähligen Krokus (sogar ein paar einzelne Blüten habe ich gesehen!) und in jeder Stunde Regen sind gut zehn Minuten Sonnenschein, aber im Wesentlichen herrscht kalter Regen und scharfer Wind.



Die zweite Verpflegungßtelle bei Km 45 ist ein genauso kalter und zugiger Platz wie die erste, nur daß es hier statt zu nieseln mal so richtig wie aus Eimer regnet. Ok, ich habe es so gewollt. Ich gebe es zu: ich wollte heute so richtig die volle Packung aus Schlamm, Kälte, Regen und Croßlauf. Ich wollte heute so richtig leiden. Ich habe heute morgen sieben Euro bezahlt, damit ich mich so richtig quälen kann, ich gebe es ja ganz offen zu. Buaähhh, was war ich für ein Idiot! Jetzt will ich nur noch nach hause. Ich will ankommen und mich ausruhen, ich kann nicht mehr. Immerhin waren wir auf dem zweiten Drittel tatsächlich etwas schneller, als auf dem ersten: daß gibt doch Anlaß zur Hoffung.
Aber noch sind gut 20Km zu laufen. 20Km, für die wir heute morgen immerhin Drei Stunden gebraucht haben. Und auch jetzt wird die Strecke noch nicht wirklich leicht. Wir erkennen jetzt manche Stellen wieder, die wir schon beim OSO gelaufen sind, allerdings teilweise in anderer Richtung. Auch sind es immer nur wenige Km auf den bekannten Pfaden, bis wir uns wieder auf Neuland befinden.

Ein paar Km weiter kommen wir mitten in einem Wald an eine dritte Verpflegungßtelle. Ich frage Markus nach seiner Einschätzung, wie weit es noch ist und er hofft, es wären deutlich unter 10km übrig. Es gibt Kekse und Rosinen, Waßer und Iso und die nette Dame am Stand erklärt und mit bezauberndem Lächeln, daß es nur noch Neun Km wären. Na das ist doch zu schaffen!

Ich breche innerlich zusammen. Noch weitere 500Hm! Immer wieder murmele ich vor mich hin: das schaffe ich nicht..; das schaffe ich einfach nicht... Klar ist das ziemlich destruktiv, aber ich bin geschockt. Markus versucht wieder mich auf zu bauen und zu motivieren aber ich kann immer nur an die 500Hm denken. Auch als er drauf kommt, daß er seine Wunder-Uhr ja auf den Start geeicht hat und das Ziel gut 10km und evtl auch etliche Hm davon entfernt ist, tröstet mich das nur wenig. In einem Ort kommen uns wieder zwei Läufer entgegen: wir sind schon wieder falsch! Das kommt davon, wenn man so wie ich verzweifelt mit dem Kopf nach unten, den Blick auf Markuss Fersen, dahin latscht. Aber wir haben auch diesmal Glück, denn der richtige Pfad zwischen zwei Häusern hindurch liegt auch hier nur wenige Meter entfernt. Nicht desto Trotz sind wir noch lang nicht im Ziel und ich schnaufe statt deßen wie Walroß hinter Markus ein Bachbett rauf. Wahrscheinlich ist dieser Knöcheltiefe Bach in seinem steinigen Bett normalerweise ein Weg oder Pfad: heute ist es ein Bach und meine Schuhe werden für einen Km vom Schlamm befreit. Danach geht es wieder in die Matsche.
Längst verfluche ich die Dame am letzten Stand mit ihren neun Kilometern. Ich haße sie und bin wütend, daß sie keine Ahnung über die Strecke hat. Wir sind seit dem schon mindestens gefühlte 12km gelaufen und immer noch kein Ziel in Sicht. Wenn ich sie je wieder sehe, werde ich sie vielleicht erwürgen. Da vorne kommen mir ein paar Häuser bekannt vor, plötzlich keimt wieder neue Hoffnung in mir! Ich glaube, hier sind Thomas und ich beim OSO gelaufen! Markus rufe ich nur noch ein paar 100m! Ich bin überzeugt, das Ziel schon zu sehen, ich bin auf einmal ganz sicher, daß wir es endlich geschafft haben. Aber nein: es ist nur ein Fußballplatz. Jetzt erinnere ich mich auch daran: beim letzten mal bin ich auf die selbe Täuschung rein gefallen. Trotzdem weiß ich jetzt, genau wo ich bin: noch gut 300m bis zum Ziel. Ich rufe Lars zu mir, und wir laufen zu dritt über die Zielwiese.
Das waren harte 8:41! Immerhin, obwohl ich mir hier und heute wirklich die volle Packung abgeholt habe, war ich fast genauso schnell wie beim OSO, der von den Bodenverhältnißen her wesentlich leichter war. Ich biete Lars einen Platz unter einem der Tische an, und hohle seinen Futternapf aus dem Auto, während Markus es sich schon mal bequem macht. Während er seine Schuhe fotografiert hohle ich mir auch mein Teller Spaghetti ab, der im Startgeld inklusive ist. Als ich eine Bemerkung darüber zu Markus mache, antwortet ein zufällig in der Nähe sitzender Landmann, er wundere sich, daß bei den Belgischen Preisen für Läufe überhaupt noch jemand in Deutschland starten würde. Just in dem Moment spricht mich ein Mann von hinten an, der ein Foto in seiner Hand hält: es ist der Fotograf des Rennens, und er gibt mir den Ausdruck des Bildes in die Hand. Als ich nach den Kosten frage lacht er.
