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Blake Wood - If you don't return bleeding, it's not a trail run!

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2018 - Harzquerung

Geschrieben April 2018

Diese Website hier ist mein Tagebuch über meine Läufe und hilft mir immer wieder. Ich hoffe, Dir auch, wenn Du möchtest. Am Wochenende bin ich nach zwölf Jahren mal wieder zur Harz-Querung nach Werningerode gefahren. Und weil die Erinnerung doch manches verändert, habe ich meinen eigenen Bericht vorher noch mal gründlich gelesen und ein paar Verbesserungsmöglichkeiten gefunden: übernachten im Auto, weniger Gepäck mit schleppen, schneller laufen.

Machen wir: Abends ankommen, im Auto lang machen und erst mal gemütlich ausschlafen. Prima. Morgens in der Halle die Startnr. abholen und in die Stadt gehen und Frühstück und Kaffee besorgen. Dann Zähne putzen und mit vielen anderen zum Start latschen. Als ich los gehe, frage ich mich für einen Moment, ob ich nicht doch was Langärmeliges hätte mit nehmen sollen. Aber vergiss es: es ist 11°C also ab dafür. Als ich 2006 hier gestartet bin war totales April-Wetter mit Schnee und Hagel: heute ist nur Sonne angesagt. Am Start fühle ich mich einsam: kein Markus Hinz, kein Bernhard Sesterheim, niemand den ich kenne. Egal, lächeln und winken.

Kaum sind wir unterwegs, hören alle Probleme auf. Wie fast immer beim laufen, zumindest kurz nach dem Start. Vor mir läuft ein Typ mit roter Mütze und ich denke an die nette Begleitung durch Henning beim Brocken-Marathon im Oktober. Ob er das wieder ist? Ich spreche ihn an, aber er ist es nicht. Trotzdem ist der alte Spruch: "kennen wir uns nicht vom..." immer noch gut. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass er auch so wie ich gerne unter sechs Stunden bleiben möchte. Außerdem ist er hier in den beiden Vorjahren gelaufen (mit Hammer-Zeiten!) und kennt die Strecke. Er heißt Christian und ist spontan sympathisch. Schon eine Stunde später fragt uns einer aus dem Grüppchen hinter uns genervt, ob wir keinen Frisör hätten, dass wir dauernd quatschen müssten. Ich nehme kurz die Kappe ab und zeige meine Glatze. Gelächter. Weiter.

Etwa alle 10km ist eine Verpflegungsstelle eingerichtet. Es gibt viele leckere Dinge zu Essen und zu trinken. Ich beschränke mich ausschließlich auf die Gels, die ich selber dabei habe, trinke aber reichlich, denn das Wetter ist großartig. Warm, sonnig, frühlingshaft, wunderbar. Allerdings ist deutlich zu merken, dass es in den Vortagen hier kräftiges Sauwetter war, denn der Boden ist weich und matschig. Die Harzquerung will ein Traillauf sein und die Wege sind meist schmaler als beim Brocken-Marathon. Ich bin froh, dass ich in meinen Salomon Speed-Cross mit dem aggressiven Profil unterwegs bin.

Christian hält das Tempo hoch. Vor allem an den Steigungen muss ich mich echt strecken, um dran zu bleiben. Aber er ist ein wirklich angenehmer Laufpartner und ich kämpfe. Eigentlich war mein Plan für heute nur ein engagiertes Training, kein Wettkampf um Alles. Aber das passt grade so gut. Und ich bin so fit. Und es läuft. Weiter.
Christian erzählt, dass er oft "Trainingsweltmeister" wird, also seine Topform vor dem eigentlichen Wettkampf-Tag erreicht und dann von Krankheiten und Wehwehchen zurück geworfen wird. Meine Schwäche dagegen ist oft ein zu hohes Anfangstempo und am Ende der Einbruch. Und genau diesen Fehler kann ich heute dank Christian vermeiden: er steuert genau auf "sicher unter sechs". Behauptet er zumindest. Was ich nicht weiß: heimlich denkt er an: "unter 5:30". Hätte er mir das gesagt, hätte ich ihn sofort ziehen lassen. Das wäre über eine Stunde schneller als ich vor zwölf Jahren gewesen bin und ich werde ja auch nicht jünger. Aber ich weiß nichts von seinem Plan und hänge mich dran.
Bergab hat er ein echtes Downhill-Tempo: rennen, nur Spaß am rennen. Nicht vernünftig, aber geil. Bergauf quäle ich mich hinterher. Hart, ganz hart. Nur in der Ebene kann ich locker mithalten. Flach und Flott: das kann ich. Auf die Weise kommen wir beide super voran und stehen schnell auf dem Poppenberg. Christians Uhr hat das erst in zwei Kilometern angekündigt und es ist schon toll, diese zwei sehr anstrengenden Kilometer "geschenkt" zu bekommen.

Und runter und weiter. Die Sonne scheint, alles ist so grün und so schön und auf einmal verrät Christian mir seinen wahren Plan: Sub 5:30! Und von dieser Seite des Poppenberg aus gesehen ist das auch gar nicht mehr so abwegig. Eigentlich sogar eine richtig geile Idee! Ich bin dabei, wenn möglich. WENN möglich. Und das ist gar nicht so sicher. So langsam wird das hier echt von Spaß zu Ernst. Mein Puls geht hoch. Beine, vor allem Knie sind super. Auch die Kraft ist prima. Muskeln, Blasen, Füße, Magen: alles tip-top. Aber die Kondition will nicht mehr. Ich werde einsilbig und mache keine Witze mehr. Wenn ich mal wieder hinter meinem Pacemaker her hechele wiederhole ich mein Mantra von der TTdR: niemals aufgeben, immer weiter machen, niemals nachlassen, einfach laufen, niemals weich werden, weiter, weiter, weiter. Ich rede mit mir, flüstere mir die Kraft zu, beschwöre mich: und bleibe dran.

Noch ein VP in der Sonne und dann kommt der Abstieg nach Nordhausen. Wir haben starken Gegenwind und ich laufe eisern weiter. Die Bäume, 2006 noch keine drei Meter hohe Sträucher, sind jetzt tolle Bäume voller herrlicher Blüten. Die Zeit ist auch für sie weiter gegangen. Ich renne den Berg runter und verbrenne meine letzten Kräfte, bis sie alle werden. Kein Ziel in Sicht. Christian zieht langsam davon und ich kann nicht mehr dran bleiben. Es reicht nicht, verschätzt. Aber auch er nimmt ein bisschen Druck von den Sohlen und so schaffen wir es gemeinsam bis zum Ziel-Stadion. Natürlich lasse ich ihm hier den Vortritt, bremse meinen hirnlosen Ehrgeiz und verkneife mir jeden Endspurt. Wir bleiben mit 5:24 auch so locker unter den 5:30 und mit Rang 133 von über 500 bin ich auch super zufrieden. Dazu 25.ter in der AK von 75: läuft bei mir.

Fazit: geiler Lauf, toller Tag, härter trainiert als ich wollte, besser gelaufen als ich gehofft habe. Danke für's Tempomachen!

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