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Christian Soerensen, frei zitiert - Der Kopf will Ultra, die Beine aber wollen schneller laufen

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Brockenmarathon 2022

Geschrieben Oktober 2022


Wenn man etwas öfter macht, kann man jedes mal die eine oder andere Kleinigkeit verbessern. Beim Brocken-Marathon gibt es für mich da leider keine Luft mehr nach oben: alles war von Anfang an perfekt, außer meinem ganz persönlichen Trainingslevel gibt es keine Verbesserungsmöglichkeiten im Ablauf. Aber man kann das, was gut ist, noch mehr genießen.

Also bin ich gemütlich am Freitag nach Wernigerode gefahren und habe mein Auto vor der Jugendherberge geparkt. „Unser“ Zeltplatz (also die Parklücke im Gebüsch, in der wir 2005 mitten in der Nacht unser Zelt aufgebaut hatten) ist nicht mehr ganz so zugewachsen wie 2017. Die Bäume werden größer und nehmen dem Gestrüpp das Licht. Noch zehn Jahre und wir können hier wieder zelten. Aber ich will gar nicht zelten: ich bin alleine und der Kombi ist groß genug für mich. Die Kids sind so groß, dass die lieber ohne mich Party feiern und mein Freund Markus ist aus dem Laufen raus. Nur ich bin noch übrig. Ich fühle mich gut und vollständig.

Ich gehe zu Fuß in die City von Wernigerode und hole meine Startnummer ab. Auf dem Marktplatz ist gute Livemusik, aber ich mache mich bald wieder auf Rückweg. Kurz vor dem Abzweig zur Jugendherberge ist eine kleine Döner-Bude, wo ich lecker esse. Dann parke ich das Auto noch mal um und trinke in der Jugendherberge ein Hasseröder. Das ist zwar kein Kölsch, aber trotzdem lecker. Der Mann hinter der Theke erkennt meine Kölschen Dialekt und erzählt von den verrückten Kölnern, die vor vielen Jahren in der Parklücke gezeltet haben: manche Legenden halten sich etwas länger.

Morgens wie immer das leckere Frühstück in der Jugendherberge; bezahlt hatte ich schon am Abend vorher. Der Speiseraum ist nicht so voll, wie ich ihn aus früheren Jahren in Erinnerung hatte, aber das Essen ist genauso lecker wie immer. Dann mache ich mich am Auto startbereit.

Die Wettervorhersage für den Brockengipfel sagt 4°C und kräftigen Wind, aber ich entscheide mich trotzdem für Kurz/Kurz, denn ich weiß, dass ich auf der zweiten Hälfte bergab in die Wärme laufen werde. Da kann ich die kurze Abkühlung oben ertragen, ohne ernsthaft aus zu kühlen.

Ich komme zur Startwiese: alles wie immer und das ist genau richtig! Ich kenne niemand von den anderen Startern, aber das macht nichts: ich fühle mich gut und vollständig. Ganz hier, ganz da, genau richtig.


Am Start - vor dem Schluss - Kameras und Hexen

Wir laufen los. Die selben Wege wie immer. Das Geräusch von vielen Läufern auf guten Weg. Gesprächsfetzen, die herüber wehen. Lachen. Ich bin glücklich! Genau jetzt will ich genau hier sein und genau das machen. Alles ist in diesem Moment ganz genau so, wie ich es mir erhofft und gewünscht habt und das ist großartig.

Bald kommt der erste VP. Dieses Jahr ist es deutlich kälter als in den Vorjahren, deshalb haben die Helfer alle dicke Jacken an. Danke, dass ihr hier seid!! Dann laufen wir das wunderschöne Ilse-Tal hinauf. Ich bin trotz relativ wenig Training gut drauf und trabe überall locker mit. Kein Stress, keine Probleme, weiter so. Kilometer 10 erreiche ich nach genau einer Stunden.

Ab Kilometer 15 (1:30hh:mm) gibt es eine deutliche Abweichung von meinem Traum-Tag: Wetter. Es ist gut 10° kälter als ich das aus meinen anderen Läufen hier in Erinnerung hatte. Nebel zieht auf. Sonst hatte es das nur in der Gipfel-Wolke, die so typisch für den Brocken ist. Ganz oben einmal kalt und nass, wie eine erfrischende Dusche zwischen den Sauna-Gängen. Heute beginnt die Gipfel-Wolke allerdings schon bei Kilometer 15.

Außerdem sind über viele Kilometer die herrlich duftenden Fichten-Wälder verschwunden. Nur noch tote aum-Stümpfe die aus dem Brombeer-Gestrüpp ragen. Erst ab ca. 900hm gibt es wieder Nadelwald. Die Laubbäume sind in prächtigem Grün mit den ersten Einsprengseln von herbstlichem Gelb. Aber die Nadelbäume sind unterhalb von 900Hm fast alle kaputt. In 15 Jahren wird es hier wunderbaren Herbst-Wald geben, aber ich glaube nicht, dass ich dann noch hier laufen kann. Wer weiß, wie schnell alles vorbei ist, wer weiß was morgen ist. Verbote, Einschränkungen, Krankheit, Politik… es kann so viel passieren.


Aufstieg

Dann kommt der Plattenweg zum Gipfel. Der ist heute viel länger als sonst. Der Brocken ist einfach heute höher als früher, gefühlt zumindest. Wie bestellt kommt die Brocken-Bahn aus dem Nebel und ich kann ein paar Sekunden Pause und schöne Fotos davon machen. So habe ich mir den Hogwarts-Express immer vorgestellt. Ein Wow-Moment!

Kurz vor dem Gipfel komme ich für ein paar Minuten mit einem anderen Läufer ins Gespräch. Er macht heute seinen ersten Brocken-Marathon. Mit diesem Wetter hat er sich dafür schon die Voll-Version ausgesucht: knapp über Null, sehr Windig und Nass. Wir machen Fotos am Brockenstein und ich rechne nach: es müsste meine 10.te Brocken-Besteigung sein. Drei mal Brocken-Challenge, mit heute fünf mal Brocken-Marathon und noch zwei mal bei Wanderungen. Den Gipfel bei Kilometer 19 erreiche ich um 11:30, also nach 2:30hh:mm.

Dann geht es runter. Zuerst lang die Gipfel-Straße bis zum ersten VP hinter dem Gipfel. Als ich vor Jahren hier das erste mal war, knallte die Sonne und alle standen im T-Shirt hier. Jetzt danke ich den Helfern noch doppelt, dass sie in diesem Sauwetter hier aushalten.


Die nächsten zehn Kilometer geht es in leichten Wellen bergab. Immer runter, runter, runter. Zwei Dinge sind ganz anders, als ich sie in Erinnerung habe: zum einen wird es partout nicht wirklich warm. Dieses wundere Laufen in die Wärme, dieser Schritt aus der kalten Gipfel-Wolke in den goldenen Spätsommer kommt einfach nicht. Es bleibt kühl und feucht. Und die Kiefern-Wälder, durch die wir hier früher immer gelaufen sind, sind weg. Einfach weg. Zehn Kilometer toter Wald. Klar weiß ich, dass es Nadel-Wald von Natur aus erste über 1000m geben sollte. Und das hier vor allem Nutzwald als Mono-Kultur angepflanzt worden ist. Trotzdem vermisse ich die Wälder.

Ab Kilometer 30 kommt dann wieder mein Ponyhof. Jetzt wird es doch endlich warm und ich erreiche die Laubwälder, die satt und grün wachsen. Auch hier noch wenig Herbst, die Blätter werden wohl erst in ein oder zwei Wochen gelb und rot.

Meine Knie laufen gut. Ich weiß es. Ich spüre es. Auch der Rest von mir meldet keine ernsten Probleme. Klar: Füße meckern ein bisschen, weil ich wieder nur in den leichten Rennern unterwegs bin, statt in richtigen Trail-Schuhen. Aber was soll's? Vielleicht ist heute mein letztes Rennen, mein letzter Brocken-Marathon.

Ich schwanke ein bisschen zwischen der Begeisterung zu rennen und dem Wunsch, den Lauf noch länger zu genießen. Wie auf der Autobahn: sparsam oder Spaß? Spaß! Freude am Laufen. Nach dem großen Schild „36“ kommt wie erwartet die „5“. Geil! Ich überhole noch ein paar andere Läufer. Einfach nur, weil ich es kann. Weil es Spaß macht.

Und dann kommt die Zielgrade. Der Sprecher erkennt an meiner Startnummer, dass ich als Verein den Feuersportverein Köln e.V. angegeben habe und kündigt mich dem Publikum als „Feuerwehrmann“ an! Applaus und Jubel! Feuerwehrleute sind beliebt. Für mich ist das jetzt vielleicht der schönste Moment: als Feuerwehrmann geehrt zu werden. Das ist das Sahnehäubchen, das Tüpfelchen auf dem „i“,die Krönung eines schönen Laufen. Ein kleines Blitzen, was über meiner Erwartungen hinaus geht. YES!


Fazit: Brocken-Marathon ist immer, ein wirklich toller Lauf. Für mich der schönste, den ich kenne.

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