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unbekannt - In a 100 mile race the physical power is 90%, the mental stuff are the other 90%

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2022 - TorTourdeRuhr

Geschrieben Juni 2022


Beim Pescher Kleeblatt hatte mich Udo gefragt, ob ich für ihn den Rad-Support bei der diesjährigen TorTourdeRuhr machen würde. Tobi würde das Auto fahren. Ich habe gleich und mit voller überzeugung „Ja“ gesagt, denn ich mache gerne Support, ich liebe die lange Tour durch die Nacht, die ruhige Ruhr im Dunkeln, die Menschen die sich diesem Event versammeln, das Fiebern auf das Ziel, das gemeinsame ankommen am RheinOrange, und so weiter und so weiter! Vor allem mag ich sowohl Udo als auch Tobi, als auch das ganze Orge-Team um Jens und Ricky und alle Läuferinnen und Läufer!
Allerdings habe ich natürlich auch gesehen, dass Udo beim Kleeblatt nur die erste Runde mit gemacht hat. Eigentlich würde ich erwarten, dass Sportler, die 100 Meilen laufen wollen, wenigstens 100km aus dem Ärmel schütteln. Große Hoffnung auf ein wunderbares Wochenende bei sehr geringen Erwartungen.

Der größte Unterschied zu den Vorjahren war für mich, dass ich gar nichts organisieren musste! Udo hat seinen eigenen Lauf in allen Details bis auf's I-Tüpfelchen geplant und Tobi ist selber ein sehr guter Planer und Organisator: da kann ich mich ganz entspannt zurück lehnen und einfach machen, wofür ich gebraucht werde.

Tobi hat mich also am Samstag gegen 12:00 zu hause abgeholt und wir sind zusammen in seinem Auto, mit meinem Rad im Kofferraum, nach Arnsberg gefahren. Da ist der Start der 100-Meilen und Tobi hatte uns als Helfer für diesen Verpflegungspunkt eingeplant. Wir sollten hier ab 13:30 mit aufbauen, anpacken und ab 19:00 wieder abbauen. Udo, dessen Start für 18:00 vorgesehen war, sollte auf den ersten Kilometern von seiner Familie betreut werden. Mein Einsatz auf dem Rad für Udo war erst ab ca. 23:00 geplant.

Tobi und ich waren pünktlich in Arnsberg. Erst habe ich das Gebäude nicht erkannt, bis ich das Tor aus der Läufer-Perspektive gesehen habe. JAA! Hier bin ich rein gestolpert. Hier war es, wo mich jemand nach meinem Namen gefragt hat und so dringend nach meinem Neffen und Super-Supporter Elias gesehnt habe, dass ich die Frage mit „Elias“ beantwortet habe. Ich erinnere mich an Erschöpfung und Schmerz und dieses fanatische Fieber niemals unter keinen Umständen aufgeben zu wollen. Verrückt. Cool. Ich lächele innerlich, betroffen und voller Mitleid mit dem Flo von 2016, gleichzeitig voller Bewunderung und Respekt. Komisch, dass ich mich an 2018, wo ich mit Susanne hier gewesen sein muss, so gar nicht erinnern kann.

Heute ist heute. Tobi und ich schleppen Tische und Stühle und stehen zur Verfügung. Dann kommt ein Transporter mit Patrick und Jens. Wir strahlen uns an. Schön! Viele kräftige Hände bauen schnell die Zelte auf und ich schleppe noch ein paar Steine zur Sicherheit heran, dann ist alle Arbeit getan.

My Friend Oliver kommt mit seinem Schützling, denn er ist Support für eine Frau auf der Voll-Version, der es nicht gut geht. Und Grillanzünder Anja kommt. Wir haben uns seit unserer Fahrt in's Flüchtlingslager von Idomeni 2016 nicht mehr so zu dritt gesehen und nutzen den seltenen Moment für ein Foto. Es tut gut zu spüren, dass das Band von damals noch besteht, auch wenn es verblasst und im Kielwasser der Erinnerung verwirbelt wird.

Dann kommt Udo mit seiner Familie. Hier fühle noch nicht diese innere Verbindung zischen Tobi und mir und Udo. „Wir“ sind teil des Arnsberger-VP-Teams und Udo und seine Familie sind das „Läufer und Support“ Team. Das muss in der Nacht noch wachsen.

Um 18:00 starten die 100-Meiler und Udo ist mit dabei. Ich versuche ihm positive Bilder mit zu geben und beschreibe ihm, wie wir beide den Sonnenaufgang an der Ruhr und die Ankunft am RheinOrange in Duisburg zusammen erleben werden.

Danach helfen Tobi und ich noch beim Abbau des VP. Wir packen Kisten und Zelte in den Transporter, schleppen Tische und Stühle zurück und machen uns nützlich. Als alles fertig ist und wir nicht weiter gebraucht werden, gehen wir oberhalb des VP in die Pizzeria. Ein schöner ruhiger Frühsommer-Abend auf einer gemütlichen Terrasse. Nur dass wir statt Bier jetzt beide einen doppelten Espresso trinken, denn bald beginnt unsere eigentliche Mission: Udo in's Ziel begleiten!

Wir fahren durch den wunderschönen Abend zu der Stelle, ab der wir die Betreuung von Udo von seiner Familie übernehmen und bewundern den Sonnenuntergang, als Tobi's Telefon klingelt. Udo bricht ab! Aufgegeben! Zu Ende. Geschlagen. Neuer Treffpunkt ein Supermarkt-Parkplatz. Auf dem Weg dorthin kommen und viele TTdR-Läuferinnen und Läufer entgegen: ich sehe Monika und viele andere, die heute Nachmittag am VP-Arnsberg durch gekommen oder gestartet sind. Sie werden ab jetzt durch die Nacht und dann durch den Sonntag gehen. Ich drücke allen die Daumen!

Tobi und ich klären, ob wir nach dem Abbruch von Udo selber auch aussteigen, ober ob wir unsere Hilfe anderen anbieten sollen. Es gibt jemand, dessen Crew wohl nicht konnte und der deshalb drauf gehofft hatte, durch Tobi und mich unterstützt zu werden. Machen wir Dirk jetzt zu unserer Prio 1? Nach kurzem Überlegen entscheiden wir und für „Ja“ aber nur bis Sonnenaufgang. Tobi und ich wollen beide den schönen Pfingstsonntag gerne mit unseren Partnerinnen verbringen. Für Udo hätten wir es gemacht und ihn bis zum Ende am RheinOrange am Sonntag Abend begleitet. Egal wie lange es gedauert hätte. Dirk werden wir nur durch die Nacht bringen und dann zu unseren Lieben nach hause zurück kehren.
Allerdings erweisen sich unsere Überlegungen als erledigt, denn Dirk hat sich einer anderen Crew angeschlossen, als wir Udo und seine Frau an dem Supermark-Parkplatz treffen.

Udo ist geschlagen. Ich an seiner stelle würde mir riesige, blutende Blasen oder sonstige dramatische und offensichtliche Gründe für den Abbruch wünschen. Irgend einen klaren, unbestreitbaren Beweis, dass der Feind übermächtig und der Drache unbesiegbar war. Ich würde zum Beispiel hören wollen: „Ein Wunder, dass Du soweit gekommen bist!“ oder: „Da hätte doch jeder schon lange vor dir aufgegeben!“. Udo verzichtet auf jedes Drama: er ist da deutlich ausgeglichener als ich. Er ist traurig und enttäuscht. Nicht mehr und nicht weniger. Großartig! Daran werde ich mir ein Beispiel nehmen.

Dann fahren Tobi und ich zurück nach Köln und wir sind uns beide völlig einig, dass es ein toller Ausflug war!



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